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Gaffer

Ich pendle. Jeden Morgen fahre ich mit dem Zug bis in die nächste Stadt und am Abend wieder zurück.

Und heute ist vor wenigen Stunden im Haus schräg gegenüber unseres Geschäftes etwas passiert. Wir wussten nicht was, ich hätte es wahrscheinlich nicht einmal mitbekommen, wenn mich nicht meine Kollegin auf die Leute aufmerksam gemacht hätte, die draußen auf den Gehsteigen herumstanden, miteinander flüsterten und alle wie hypnotisiert die Straße hinaufblickten. Später waren die Sirene eines Rettungswagens zu hören und Blaulicht zu sehen.

Es war mir ehrlich gesagt ziemlich egal, was genau passiert ist. Unter den wenigen Kunden, die sich jetzt noch in unser Geschäft verirrten, kursierten die wildesten Gerüchte. Die einen meinten es wäre bloß eine Übung, eine alte Dame behauptete, einer der Citybusse, die immer wie die Gesenkten durch unsere Straße brettern, hätte einen Mann angefahren. (Später haben wir erfahren, dass es im Haus schräg gegenüber zu einer Messerstecherei gekommen ist, bei der ein Mann gestorben ist.)

Wie gesagt, eigentlich hat es mich nicht sonderlich interessiert. Die Leute reden eben. Und früher oder später hätte ich es so oder so erfahren. Was mich allerdings interessiert, was mich sogar ein bisschen erschüttert hat, das waren die Leute.

Ich meine, ich kann es ja verstehen. Neugier und von mir aus auch Sensationslust, das steckt den Menschen in den Genen. Der Mensch braucht die Neugier. Ohne Neugier wären sicherlich viele Dinge niemals entdeckt und viele Erfindungen niemals gemacht worden. Trotzdem haben mich diese Gaffer gestört. Zuerst standen sie gut verteilt auf beiden Straßenseiten, später haben die Feuerwehrleute die Menschen zurückgetrieben, um die Straße abzusperren, damit Rettung, Polizei und Feuerwehr ihre Arbeit machen konnten. Einer begann mit einem Feuerwehrmann zu diskutieren, weil er nicht zurückweichen wollte. Zusammengerottet vor dem rot-weißen Absperrband ergaben all diese Gaffer eine ganz schöne Meute aus Männern, Frauen und Kindern. Alte und Junge, Inländer und Ausländer, alle standen einträchtig nebeneinander und begafften die Szenerie, Gerüchte haben sich verbreitet wie Bakterien in einer offenen Wunde. (Verzeiht diesen Vergleich, aber erstens fällt mir gerade kein besserer ein und zweitens passt es irgendwie.)

Wieso ist das Unglück anderer Menschen für Menschen so spannend? Warum zieht es sie an wie Licht die Motten? All diese Menschen sind einfach nur dagestanden und haben gegafft. Es gibt keine schönere Bezeichnung dafür. Sie sind einfach nur dagestanden und haben das alles in sich aufgesaugt.

Und ich…ich bin in sicherer Entfernung zur Eingangstür gestanden und habe auf die eine oder andere Weise wohl auch gegafft. Ich stand so da und habe die Gaffer beobachtet.

 

 

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