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Rezension “Anne Elliot”

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Titel: Anne Elliot: oder die Kunst der Überredung
Originaltitel: Persuasion
Autor: Jane Austen
Verlag: Insel Taschenbuch
Sprache: Deutsch
Seitenanzahl: 259
ISBN: 978-3458362364
Format: Taschenbuch

Inhalt: Die lebensfrohe und kluge Anne Elliot beging den Fehler ihres Lebens: Vor Jahren ließ sie sich von ihrer selbstsüchtigen Familie dazu überreden, den Heiratsantrag des bürgerlichen und mittellosen Frederick Wentworth auszuschlagen. Überwunden hat sie den Verlust ihrer großen Liebe allerdings nie. Als sie eines Tages dem inzwischen erfolgreichen und geachteten Captain Wentworth wieder gegenübersteht, sind ihre Gefühle stärker als je zuvor – doch gibt es für ihre Liebe eine zweite Chance?

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Meinung: Ich bin momentan wieder total im Jane Austen-Fieber. Inzwischen fehlen mir nur mehr “Mansfield Park” und “Emma” und ein paar der kleineren Geschichten, um meine Wissenslücken bezüglich Jane Austen zu füllen.
Ich weiß gar nicht recht, wo ich anfangen soll. Das Buch hat mir viele Emotionen entlockt und sich recht schnell zu einem meiner Lieblingsbücher von Jane Austen gemausert. Gegen Ende des Buches war mir jede Störung unwillkommen und jede freie Minute recht, um bei dieser Geschichte weiterzukommen.

Anne ist mit ihren 27 Jahren um einiges älter als andere Austen-Heldinnen und gilt nach Regency-Standard schon fast als alte Jungfer. Sie wird in ihrem Aussehen als “verblüht” beschrieben und ist ganz anders im Vergleich zu ihren Schwestern und ihrem Vater. Während die ältere Schwester Elizabeth und der Baron vorwiegend als eitel und statusbedacht dargestellt werden, ist Anne vernünftig, besonnen und klug. Weiters würde ich sie als zurückhaltend und liebenswert beschreiben. Sie ist älter und damit auch reifer als zum Beispiel Elizabeth Bennet oder Emma Woodhouse und weniger lautstark. Sie ist sehr auf die Gefühle anderer bedacht und scheint eine gute Intuition bezüglich den Absichten anderer Menschen zu haben. Kurz, sie war mir sehr, sehr, sehr sympathisch.

Traurigerweise kann ich das für die meisten anderen Figuren in diesem Buch nicht sagen. Elizabeth und der Baron sind eingebildet und hochnäsig, lassen sich durch Schmeicheleien schnell beeindrucken und handeln teilweise auf eine Art, dass ich mir beim Lesen einfach nur an den Kopf greifen musste. Die jüngere Schwester Mary zeigt deutliche Anzeichen von Hypochondrie, fürchtet dauernd zu kurz zu kommen, sucht überall Aufmerksamkeit und flüchtet sich in ihre “Krankheiten” sofern irgendwelche Probleme auftauchen.
Alle scheinen auf Anne herumzutrampeln, was diese mit unendlicher Geduld geschehen lässt oder aber sogar willkommen heißt, um aus etwaigen sozialen Verpflichtungen herauszukommen. Ich denke, dass alle einfach schon so sehr daran gewöhnt sind, dass Anne da ist, dass sich niemand mehr dafür interessiert oder darauf achtet, wie es ihr geht oder was ihre Wünsche sind. Hierbei stellt sich mir außerdem die Frage, ob die nähere Verwandtschaft deshalb als so unsympatisch beschrieben wurde, um Annes Ruhe und leise Vorzüge mehr hervorzuheben. Die wenigen Nebenfiguren sind Anne sehr viel mehr zugetan und schätzen ihre Weitsicht und ihren zuweilen Pragmatismus. Man wünscht sich für Anne zweifellos recht rasch einen anderen Ort, eine Umgebung und Familie, die sie liebt und achtet und weiß, was sie an ihr hat.

Der Großteil des Romans rankt sich um die Liebesgeschichte zwischen Anne und Captain Wentworth, mit dem Anne acht Jahre zuvor verlobt war, bevor sie von anderen davon überzeugt wurde, dass diese Verbindung nicht vorteilhaft wäre. Annes Versuch ihre Gefühle für Wentworth abzuschalten, logisch zu betrachten und Verständnis für seine Abneigung und Gleichgültigkeit ihr gegenüber zu finden, waren in einem geringen Maße frustrierend für mich, machten aber auch Sinn und füllten mich mit Mitleid für Anne. Ihm zuzusehen, wie er den jungen Schwägerinnen von Mary den Hof machte, war trotz all der Logik und des Verständnises schwierig. Dabei muss ich gestehen, dass beide Seiten für mich einen Sinn ergeben und ich mir schwer tue mich auf eine der beiden Seiten zu stellen. Captain Wentworth war tief verletzt, dass Anne, die er so geliebt hat, sich davon überzeugen ließ, die Verlobung zu lösen. Wer wäre das nicht gewesen? Auf der anderen Seite Anne, die damals erst 19 Jahre alt war und einen Vater hatte, der mehr auf Status und Ansehen setzte als irgendwer sonst. Natürlich hat sie in diesem Fall auf den Rat ihrer Patentante gehört, die ihr immer mit Wärme und Liebe entgegenkam. Es ist eine verzwickte Sache.

Nun, letztendlich löst sich ja zum Glück alles in Wohlgefallen auf. Ich empfehle an diesem Punkt übrigens gerne die 2007-BBC-Verfilmung des Buches anzuschauen. Sie ist meisterhaft geschauspielert und man hat sogar eine wunderbare Szene eingebaut, die Jane Austen damals geschrieben, aber dann doch gegen die ersetzt hat, die heute in den Büchern zu finden ist. Wentworths “Misinformed….utterly” rührt mich jedesmal. Aber das nur am Rande.

Mit all der Logik, den Versuchen seiner Gefühle Herr zu werden und dem Scheitern daran; damit wie Annes Gefühle für den Captain nach so langer Zeit mit ihrer eigenen Reife sogar noch ernsthafter und tiefer geworden sind und dem langsamen Annähern, nach dem Verlust ihrer beider Liebe – damit hat mich das Buch gefangen genommen. Jane Austen hat sogar noch einen Unfall und andere Geheimnisse mit in den Topf geworfen. Ich habe mitgefiebert und mich in Austens Welt fallen lassen und bin dem Buch absolut verfallen. Es ist nach “Verstand und Gefühl” definitiv zu meinem liebsten Austen-Werk geworden.

 

3 thoughts on “Rezension “Anne Elliot”

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