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#writingfriday – #7

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Hallo, ihr Lieben!

Na, wie geht es euch an diesem Freitag? Wie ist das Wetter bei euch? Ich werde den gleich mal mit dem #writingfriday von Elizzy beginnen. Gleich das erste Thema hat mich sehr fasziniert.

Du hast gerade deinen ersten Arbeitstag als Assistenzarzt im Krankenhaus. Beschreibe einer Freundin ein besonders verstörendes Erlebnis.

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Weißt du, Marie, ich wusste ja, dass das Ganze nicht einfach werden würde. Hab ich nie gedacht. Ich meine, das ganze Studium war ja schon eine einzige Tortur. Die ewig langen Vorlesungen, der sexistische Anatomie-Professor, das Leichenaufschnipseln, die Praktika. Ich habe nach wie vor das Gefühl, dass wir den Kaffeegöttern nicht genug geopfert zu haben. Vielleicht sollten wir das nachholen. Haben wir noch irgendwo diese Räucherstäbchen? Nein, ich rede nicht um den heißen Brei herum. Ich wollte nur….
Na, gut.

Also zuerst habe ich mich angemeldet, meinen Spind zugewiesen bekommen und eine nette Schwester hat mich zu der Station gebracht, auf der ich diese Woche Dienst tun sollte. Es ist eine dieser Stationen, wo sich hauptsächlich ältere Leute aufhalten, die stationär aufgenommen worden sind, weil sie sich die Hüfte gebrochen haben oder dehydriert sind und so. Ich hab’s eigentlich echt gut erwischt. Melanie musste ihren ersten Tag auf der Kinder-Onkologie verbringen. Ich glaube, das hat sie ganz schön mitgenommen.

Ich hab also meinen Tag zwischen alten Damen und Herren verbracht. Ich habe Spritzen gesetzt und Infusionen gegeben und Herr Grazowski hat mir einen Heiratsantrag gemacht. Eine der Schwestern hat mich unter ihre Fittiche genommen und mir gezeigt, wo der Geheimvorrat mit Schokokeksen versteckt ist. Ich glaube, das zeigen die auch nicht jedem. Ehrlich, um in den Krankenhausalltag so richtig reinzukommen, hätte mir nichts Besseres passieren können.

Und dann haben sie mich runtergeschickt, etwas aus der Notaufnahme zu holen. Wahrscheinlich, damit ich den Weg kenne und damit ich nicht sinnlos in der Gegend rumstehe und damit man nicht Schwester Kathrin schicken musste, die so oder so die ganze Zeit wie ein aufgescheuchtes Huhn in der Gegend rumrannte, weil man sie dauernd irgendwo brauchte.
Die Notaufnahme ist gar nicht so schlimm, wie sie im Fernsehen immer dargestellt wird. Da liegen nicht überall blutende Opfer einer Schießerei rum. Kinder, die sich eine Erbse ins Ohr gesteckt haben. Leute mit einem gebrochenen Handgelenk, die noch zwei Minuten warten müssen, bis der Röntgenraum frei ist. Hin und wieder eilt ein Arzt mit steinernem Gesicht von einem Raum in den anderen, aber niemand kommt rein und brüllt: “WIR BRAUCHEN SOFORT EINEN ARZT!”

Ich war also da unten und habe auf einem Klemmbrett unterschrieben, als plötzlich die Türen aufgingen und zwei Santäter in ihren leuchtenden Jacken eine Trage reinschoben. Die Schwester hinter dem Tresen fuhr herum und drückte einen Knopf. Neben mir wuchs ein Arzt praktisch aus dem Boden. Es wurden Befehle gebrüllt und Spritzen ausgepackt und Infusionsbeutel aus einer Kammer mit Keypad geholt.

Auf der Trage lag ein Mädchen. Sie war vielleicht, vierzehn oder fünfzehn Jahre alt, Marie. Sie hatte wunderschöne rote Haare und viele Sommersprossen und lange helle Wimpern und trug ein Doctor-Who-T-Shirt. Da war kein Blut oder eine Verletzung oder ähnliches. Aber sie war weiß wie eine Wand. Eine Reaktion. Kein Puls. Kein gar nichts.
Ich bin einfach nur dagestanden und habe sie angestarrt, als sie mit der Trage kurz neben mir stehen geblieben sind, Marie. Ich konnte mich auf einmal nicht mehr bewegen. So ein hübsches junges Ding. Ein wenig hinter ihnen kam ein Mädchen im gleichen Alter herein. Sie hatte wilde schwarze Haare und trug ein “Loki is my boyfriend”-Shirt und sah so verschreckt aus. Sie hat leise gewimmert und stand plötzlich neben mir und hat sich in meinen Kittel gekrallt.

“Sie hat so viele Schlaftabletten genommen. Sie hat die Prüfung nicht bestanden. Der ganze Blister war leer.”

Sie hat es immer wieder und wieder gesagt und mich praktisch angefleht, dass ich ihr sage, dass ihre Freundin wieder okay wird, Marie. Und ich konnte es ihr nicht versprechen. Ich bin einfach nur dagestanden. Ich war vollkommen nutzlos, während da hinter einer Tür ein paar Kollegen versucht haben der kleinen Rothaarigen das Leben zu retten. Sie war noch so jung. So jung, Marie. Tut mir leid, dass ich weine. Sie war noch so jung. So hübsch. Und hat versucht sich umzubringen, weil sie durch eine Prüfung gerasselt ist. Kannst du mich in den Arm nehmen? Wie soll ich jemals eine gute Ärztin werden, wenn ich mich in so einer Situation nicht mal rühren kann?  Kannst du mir das sagen? Wie soll ich das schaffen? Wie soll ich das schaffen, Marie? Ich konnte nichts tun. Ich konnte gar nichts tun. Ich weiß nicht, ob sie noch lebt, Marie. Ich weiß gar nichts, Marie. Marie? Was soll ich denn jetzt tun? Wenn ich das am ersten Tag schon nicht aushalte. Wie soll ich jemals eine gute Ärztin werden?

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So. Fertig. Ich habe übrigens absolut keinen Plan wie das so abläuft in einer Notaufnahme. Ich habe keine Ahnung von Ärzten und dem Krankenhausalltag und was ich über Maßnahmen bei Schlafmittelvergiftungen herausgefunden habe, war jetzt auch nicht gerade viel. Also, viel künstlerische Freiheit und vermutlich alles falsch. Sollte sich jemand auskennen, bin ich für Hinweise dankbar. Ich brauch jetzt was Süßes.

 

 

23 thoughts on “#writingfriday – #7

  1. Oh weh… das stell ich mir auch ganz furchtbar vor, ich wüsste nicht, wie ich reagieren würde. Wie ich überhaupt reagieren könnte. Schön geschrieben!

    Liebste Grüße!
    Gabriela

    PS: Es ist echt süss, wie man aus “Ich bin gestanden” direkt heraushören kann, aus welchem Teil Deutschlands du stammst 😄

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    1. Hallo, Gabriela!
      Ich freu mich so, dass dir die Geschichte gefällt. 🙂 Ich mochte die Geschichte auch hoffe sehr, dass sie kleine Rothaarige überlebt hat. Bin gespannt, was du uns heute erzählst. 😀
      LG, m
      PS. Ich komme aus Österreich und frage mich gerade…wie sagt man denn bei euch? Ich habe rumgestanden? Das klingt aber schon … … … falsch. 😀

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      1. Lach* Oh, ja stimmt – in Süddeutschland ud Österreich sagt man das so 😄 aber laut Duden werden nur Verben, die eine Bewegung ausdrücken (gehen, laufen, rollen, etc pp) mit sein gebildet. So! 😄 Nein, ich finds süss, wirklich.

        Mit Rothaarigen hat man mich sowieso schon immer eingefangen, keine Frage 😊

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  2. Liebe m!
    Man, jetzt ist mir klar, warum du etwas Süßes brauchst, nachdem du uns eine solche Geschichte erzählt hast! Es ist so schlimm, dass solche Dinge tatsächlich so oft passieren! Junge Menschen mit wunderbarerer Zukunft, die sich das Leben nehmen, weil sie dem Prüfungsdruck nicht ertragen. 😦
    Ich finde, du hast das wunderbar geschildert!
    Liebste Grüße,
    Ida

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    1. Hallo, Ida!
      Vielen Dank für dein Lob. Ich hab mich ein bisschen in die Materie reingelesen und bin echt erschrocken. Ich glaube, das ist es auch, was mich als Ärztin viel mehr erschrecken würde als ein Blutbad – ein Kind, das versucht sich umzubringen. Da wird mir bei dem Gedanken schon ganz anders.
      LG, m

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      1. Da hast du Recht! Die meisten gängigen Diagnosen kann man ja meist behandeln, aber was machst du, wenn da ein junges Mädchen liegt, das versucht hat, sich umzubringen? Kaum vorstellbar, was das mit der eigenen Psyche macht. Deshalb glaube ich, das man für den Beruf absolut geschaffen sein sollte – ich könnte es auf jeden Fall nicht, mir ginge das alles viel zu sehr zu Herzen.

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  3. Oh wie traurig. Ich würde zu gerne wissen oh sie sie retten konnten.

    Ich hab auch keine Ahnung von dem Alltag, finde aber das du das super geschrieben hast und man nicht merkt, dass du dich eigentlich nicht auskennst. Hat mir sehr gefallen deine Geschichte.

    Liebe Grüße
    Suse 😊

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    1. Hallo, Suse!
      Vielen Dank! Ich hab diesen Punkt bewusst offen gelassen, weil ich es ehrlich gesagt selber nicht weiß. Ob sie sie retten konnten? Wo sind die Eltern von dem Mädchen? Haben sie ihr den Druck gemacht oder hat sie sich den selbst gemacht? Alles Fragen, die ich nicht beantworten kann. 😉
      Hab einen schönen Tag! 🙂
      LG, m

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  4. Huhu,

    ach du liebes bisschen! Jetzt hats mich aber am ganzen Körper mit Gänsehaut erwischt. Ich glaub ohne meinen Schokoosternhasen neben mir hätte ich jetzt sogar Tränen in den Augen.
    Ich mag deinen Schreibstil echt richtig! Wie du die Dinge beschreibst und formulierst hat mich echt mitgerissen. Ich hoffe das kleine Mädchen mit dem Doctor-Who-T-Shirt hat es geschafft. Mir wäre es wahrscheinlich ganz genau so gegangen wie deinem Hauptcharakter. Stocksteif und vielleicht ein wenig das Mädchen in den Arm genommen, während ich versuche irgend jemanden telepathisch dazu zu bewegen mir zu helfen.

    Liebe Grüße
    Lee.

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    1. Hallo, Lee!
      Dankeschön! Das ist vermutlich das beste Kompliment, das ich je bekommen habe. 😀
      Es gab eine andere Version von dieser Geschichte, aber die hat mir dann doch besser gefallen. 🙂 Ich hoffe, ich habe dich nicht zu sehr traumatisiert. Gut, dass es Schoko-Osterhasen gibt. 🙂
      Hab einen schönen Tag! ❤
      LG, m

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      1. Ja der Schokoosterhase hat mich gerettet. Zu traumatisiert bin ich also nicht. Ich sehe mich, leider, immer noch in der Lage meine Hausarbeit zu schreiben. Hoffentlich kann ich mich heute ordentlich motivieren.
        Dir auch einen wunderschönen, sonnigen Tag. ❤

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    1. Hallo, Lizzy!
      Ehrlich gesagt weiß ich nicht, wie die Geschichte ausgeht. Ich hatte mehrere Ideen, aber wie es dann wirklich war… Keine Ahnung. 😀
      Vielen Dank für die lieben Worte! ❤
      LG, m

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  5. Wow. Liebes, ich hab gerade echt einen Kloß im Hals. Auch das Lächeln wegen der süßen T-Shirts ist mir vergangen. Als zukünftige Lehrerin trifft mich das Thema natürlich noch auf ganz andere Weise. Eine wirklich gelungene Geschichte!

    Lots of Love ❤

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    1. Oh, Smarty. Ich weiß nicht, ob ich mich darüber freuen soll, dass die Geschichte dich so berührt hat. Traurig machen wollte ich ganz bestimmt niemanden.
      Und ich bin mir sicher, dass du eine tolle Lehrerin wirst. Du bist sicher sehr fair. Wegen dir hat sicher keiner schlimme Prüfungsangst. 😉
      LG, m

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  6. Also dafür, dass du keinen Plan hast, wirkt es zumindest sehr authentisch! Die Geschichte hat mich auch wirklich berührt. Fein geschrieben!

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    1. Vielen Dank! Das ist sehr lieb von dir. Ich hatte schon Angst, dass jemand daher kommt und sagt, was für einen Blödsinn ich da schreibe, weil es üüüüüberhaupt nicht so abläuft.
      LG, m

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      1. Man muss es nur nachvollziehbar beschreiben, dann kauf man es einem auch ab 😀
        Kann ja mal ne Krankenschwester fragen, wie die Realität ausschaut 😛

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  7. Wow, liebe m! Der Text hat mich echt berührt. Ich habe beim Lesen Gänsehaut bekommen und sogar einen kleinen Kloß im Hals.
    Wirklich ganz wundervoll geschrieben. ❤

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